Game UX: Warum bei Spielen andere Regeln gelten als bei Websites und Apps

Bei Websites, Apps oder Online-Shops ist das Ziel von UX meist klar: Nutzer:innen sollen schnell verstehen, was zu tun ist, ohne Hürden ans Ziel kommen und dabei ein positives Erlebnis haben. Bei digitalen Spielen ist die Sache komplizierter, denn ein Spiel soll nicht nur funktionieren. Es soll herausfordern, überraschen, motivieren und im besten Fall immer wieder gespielt werden.

Genau deshalb reicht es bei Game UX nicht aus, nur zu prüfen, ob Spieler:innen die Bedienung verstehen. Ein Spiel kann intuitiv, klar gestaltet und technisch sauber sein und trotzdem langweilig. Umgekehrt kann ein Spiel bewusst anstrengend, rätselhaft oder herausfordernd sein und gerade deshalb faszinieren.

Gute Game UX bedeutet also nicht alles so einfach wie möglich zu machen. Gute Game UX bedeutet: die richtigen Hürden stehen lassen und die falschen entfernen.

Wo Game UX besonders wichtig ist

Game UX ist überall dort entscheidend, wo unnötige Reibung entsteht. Also bei Problemen, die nichts mit der eigentlichen Spielidee zu tun haben.

Cartoon, in dem eine junge Frau an der Game UX eines Smartphone-Spiels scheitert: In einer Denkblase steht: „Was soll ich tun? Wo bin ich? Was ist das Ziel?". Gründe, die dafür aufgeführt werden: unklares Onboarding, unintuitive Bedienung, keine klare Orientierung, fehlendes Feedback, Ziel nicht erkennbar.

Ein zentraler Bereich ist das Onboarding. Spieler:innen müssen schnell verstehen, was das Ziel ist, welche Regeln gelten und welche Handlungsmöglichkeiten sie haben. Gerade bei Casual Games, Rätselspielen oder Mobile Games entscheidet der erste Kontakt. Wer in den ersten Sekunden nicht versteht, was zu tun ist, bricht häufig ab. Solche ersten Eindrücke lassen sich schon mit wenigen moderierten oder unmoderierten UX-Tests überprüfen.

Wichtig ist auch die Bedienbarkeit. Buttons, Gesten, Menüs, Eingabefelder oder Spielflächen müssen so funktionieren, wie Spieler:innen es erwarten. Wenn ein Wortspiel auf dem Smartphone schwer zu bedienen ist, weil Buchstaben zu klein sind oder Aktionen nicht eindeutig reagieren, entsteht Frust – aber kein produktiver. Die Herausforderung soll im Rätsel liegen, nicht im Interface. Gerade hier liefert die Beobachtung echter Spieler:innen oft wertvollere Erkenntnisse als interne Diskussionen.

Entscheidend sind außerdem die Core-Mechanics, also der eigentliche Spielkern. Macht es Freude, Wörter zu kombinieren, Figuren zu bewegen, Rätsel zu lösen oder Entscheidungen zu treffen? Entsteht Spannung? Gibt es einen Grund, weiterzuspielen? Genau das lässt sich nur begrenzt am Reißbrett beantworten. UX-Research kann sichtbar machen, ob Spieler:innen gelangweilt, verwirrt oder motiviert sind – vorausgesetzt, man beobachtet ihr tatsächliches Verhalten und fragt nicht nur nach ihrer Meinung.

Auch Feedback ist ein klassisches Game-UX-Thema. Spieler:innen müssen erkennen können, ob eine Aktion erfolgreich war, ob sie einen Fehler gemacht haben oder ob sie Fortschritt erzielen. Animationen, Sounds, Farben, Punkte, Fortschrittsanzeigen oder kleine Belohnungen machen das Spielgeschehen verständlich und motivierend.

Ein weiterer Aspekt ist Orientierung. Wo bin ich im Spiel? Was kann ich als Nächstes tun? Wie komme ich zurück? Wie starte ich eine neue Runde? Gerade bei Spielen mit mehreren Modi, Levels oder Hilfsfunktionen muss die Struktur klar sein.

Nicht zuletzt spielt Game UX bei Barrierefreiheit und Zugänglichkeit eine große Rolle: Ausreichende Kontraste, lesbare Schriftgrößen, verständliche Sprache, alternative Eingabemöglichkeiten oder anpassbare Schwierigkeitsgrade entscheiden darüber, ob ein Spiel für möglichst viele Menschen zugänglich ist.

Wo Game UX an ihre Grenzen stößt: Geschmack

So viel Game UX auch leisten kann, eine Sache kann sie nicht: Geschmack objektivieren.

Manche lieben minimalistische Zahlenrätsel, andere bevorzugen erzählerische Adventures oder actionreiche Spiele. Gestaltung, Tonalität, Humor, Thema und Atmosphäre sind stark subjektiv. Game UX kann prüfen, ob eine Gestaltung verständlich, konsistent und zugänglich ist – aber nicht objektiv entscheiden, ob sie „cool“, „charmant“ oder „fesselnd“ wirkt.

Das heißt nicht, dass man im Dunkeln tappt. UX-Research kann zeigen, wie eine bestimmte Zielgruppe auf einen Stil reagiert, und damit Geschmacksentscheidungen absichern. Aber die grundsätzliche kreative Richtung (welches Spiel man überhaupt bauen will) bleibt eine Design- und Produktentscheidung, keine reine UX-Frage.

Wann gute Game UX dem Spielerlebnis sogar schadet

Besonders spannend wird es dort, wo klassische UX-Prinzipien mit gutem Game-Design kollidieren. In vielen digitalen Produkten gilt: Je einfacher, desto besser. In Spielen gilt das nicht immer.

Ein Junge sitzt am Computer und spielt ein Spiel, das offensichtlich eine gute Game UX hat. In einer Denkblase steht "Ich hab keine Ahnung, was hier passiert ... aber es macht mega Spaß!" Vermutlich bricht das Spiel einige der klassischen UX-Regeln, z.B. "alles ist sofort klar", "keine Unsicherheit", "so wenig Klicks wie möglich", "je einfacher desto besser".

Ein Beispiel ist Schwierigkeit. Aus UX-Sicht müsste man versucht sein, jede Hürde zu reduzieren. Doch Spiele leben von Herausforderungen. Ein Rätsel, das sofort lösbar ist, erzeugt kaum Befriedigung. Ein Level ohne Fehlermöglichkeit kann langweilen, ein Level ohne Risiko sowieso. Gute Game UX entfernt also nicht jede Schwierigkeit, sondern sorgt dafür, dass Schwierigkeit fair wirkt.

Auch Erklärungen können zu viel des Guten sein. Wenn ein Spiel jeden Schritt erklärt, jede Entscheidung vorwegnimmt und ständig Tipps einblendet, verlieren Spieler:innen das Gefühl, selbst etwas herauszufinden. Gerade bei Rätselspielen ist der Moment des Verstehens zentral. Wer ihn durch übertriebene Hilfestellung ersetzt, nimmt dem Spiel einen Teil seines Reizes.

Ein weiteres Beispiel ist Effizienz. In klassischen Anwendungen ist es gut, wenn Nutzer:innen mit möglichst wenigen Klicks ans Ziel kommen. In Games ist der Weg aber oft wichtiger als das Ziel. Erkunden, Ausprobieren, Scheitern und Wiederholen sind Teil des Erlebnisses. Ein Spiel, das zu stark auf Effizienz optimiert wird, kann steril wirken. Auch Unklarheit kann gewollt sein. Ein Spiel sollte nicht chaotisch oder unfair sein, aber ein gewisses Maß an Geheimnis, Überraschung oder Ambivalenz erzeugt Spannung. Wenn Game UX jede Unsicherheit beseitigt, verschwindet manchmal genau das, was ein Spiel interessant macht.

Die Kunst liegt in der richtigen Reibung

Der entscheidende Unterschied lautet: Es gibt schlechte und gute Reibung.

Schlechte Reibung entsteht durch unklare Buttons, missverständliche Regeln, technische Probleme, unlesbare Texte oder unnötig komplizierte Abläufe. Sie sollte durch UX-Design reduziert werden.

Gute Reibung entsteht durch knifflige Entscheidungen, herausfordernde Aufgaben, begrenzte Ressourcen, Zeitdruck oder Rätsel, die Konzentration erfordern. Sie ist kein UX-Problem, sondern Teil des Spielerlebnisses.

Die Grafik beschreibt, dass es zwei Arten von Reibung im Spiel gibt. Schlechte Reibung (also schlechte Game UX) kann frustrierend sein, z. B. wenn das Spiel unklar und verwirrend ist, umständlich zu bedienen, es technische Probleme gibt oder etwas schwer lesbar/schwer zu erkennen ist. Gute Reibung entsteht, wenn etwas herausfordernd genug ist, ohne zu frustriere, z. B. weil man nur begrenzte Ressourcen hat, es gute Belohnungen gibt und wenn man viel entdecken und ausprobieren kann.

Dieselbe Balance entscheidet auch über Langzeitmotivation. Ein Spiel kann im ersten Test gut funktionieren, aber nach wenigen Tagen seinen Reiz verlieren. Wiederkehrende Nutzung entsteht aus einer Kombination von Herausforderung, Variation, Belohnung, sozialem Vergleich, persönlichem Fortschritt und Gewohnheit. Das sind alles Faktoren, die Game UX gestalten und überprüfen kann. Regelmäßige UX-Tests mit neuen und bestehenden Spieler:innen helfen, Motivationseinbrüche früh zu erkennen.

Game UX muss deshalb mehr leisten als klassische Usability-Tests. Es geht nicht nur um die Frage: „Können Spieler:innen das Spiel bedienen?” Sondern auch um: „Verstehen sie die Herausforderung? Fühlt sie sich fair an? Entsteht Motivation? Wollen sie weiterspielen?“ Je früher diese Fragen mit echten Spieler:innen überprüft werden, desto geringer das Risiko, an der Zielgruppe vorbeizuentwickeln.

Ein gutes Spiel ist nicht einfach nur verständlich. Es erzeugt Neugier, Spannung und Erfolgserlebnisse. Game UX hilft, die unnötigen Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Aber der Zauber eines Spiels entsteht oft genau dort, wo es nicht zu glatt ist.

Nach oben